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Lehrer-Handreichung Nubien und Sudan

Die vergessene Hochkultur im Sudan (BR Sonderseite Naga)

Die Wiederentdeckung Nubiens

Das antike Nubien war den zeitgenössischen Autoren in Europa wohlbekannt, die Griechen nannten das Gebiet südlich Ägyptens ohne genauere Spezifizierung Äthiopien, das „Land der Sonnenverbrannten“. Herodot, Diodor, Strabo, Dio Cassius und Plinius beschreiben das Land, das auch in der Bibel erwähnt wird: „… Und siehe, ein Mann as Mohrenland, ein Kämmerer und Gewaltiger der Kandake, der Königin im Mohrenland (Meroe), welcher war über ihre ganze Schatzkammer, der war gekommen nach Jerusalem um anzubeten …“ (Apostelgeschichte 8, 27). Später berichten zahlreiche Kirchenschriftsteller über die Christianisierung des Sudan im 6. Jahrhundert, besonders wichtig sind hier die Werke des Johannes von Ephesos.

In der Neuzeit war es dann James Bruce, der 1722 im Pyramidenfeld von Begrawija das antike Meroe erkannte. Als 1821 Mohamed Ali seine Truppen in den Sudan schickt, um die letzten Mameluken zu verfolgen – und gleichzeitig das Funj-Königreich von Sennar erobert -, ist dies auch für die Wiederentdeckung des alten Nubien von Bedeutung, denn unter den Soldaten befanden sich auch europäische Abenteurer, die sich für die Ruinenstätten interessierten und die ersten Dokumentationen erstellten.

Der bedeutendste dieser Pioniere der Archäologie ist der Franzose Frédéric Cailliaud, dessen großformatige Publikation von 1826 bis heute unverzichtbar ist, da sie in Wort und Bild viele Stätten dokumentiert, die heute zerstört sind. In dieselbe Zeit fallen die Reisen von Linant de Bellefonds, Waddington, Hanbury und Hoskins sowie Lord von Prudhoe. 1834 gelangt Guiseppe Ferlini, ein Militärarzt aus Bologna, nach Meroe und entdeckt den Schatz der meroitischen Königin Amanishakheto.

Den Höhepunkt der archäologischen Forschung des Sudan im 19. Jahrhundert bildet die preußische Expedition unter Richard Lepsius 1842-1845, die nahezu alle damals sichtbaren Denkmäler bis hinab nach Sennar dokumentiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts klafft eine Lücke in der archäologischen Erforschung des Sudan. Erst nach dem Mahdi-Aufstand (1881-1898), der mit der Eroberung des Landes durch anglo-ägyptische Truppen endet, kommen wieder Archäologen, zunächst überwiegend Engländer, nach Nubien.

Stich von Frédéric Cailliaud
Frédéric Cailliaud (1822): Der Nordfriedhof von Meroe.

„Nubian Campaign“

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts erlebt die Erforschung des antiken Nubien einen beträchtlichen Aufschwung – allerdings nicht ganz freiwillig. Drei groß angelegte, internationale Kampagnen wurden durchgeführt als Reaktion auf die Errichtung bzw. Erhöhung eines Staudamms am 1. Katarakt bei Assuan und zur Rettung der durch Fluten des Stausees bedrohten Denkmäler und archäologischen Stätten

Der 1902 errichtete erste Damm wurde bereits 1912 erhöht. In einer ersten Kampagne unter der Leitung von G. Reisner und C.-M. Firth wurden von 1907-1911 zwischen Assuan und Wadi es-Sebua mehr als 40 Friedhöfe ausgegraben, dazu einige Festungsanlagen wie Ikkur und Quban. Auf der Grundlage dieser Grabungen erstellte Reisner eine Typologie und Chronologie des antiken Sudan, die im Wesentlichen heute noch Bestand hat

Die für 1933 geplante zweite Erhöhung des Dammes brachte auch für das Niltal südlich von Wadi esSebua bis nach Adindan die Überflutung durch den Stausee. So fand von 1929-1934 die zweite NubienKampagne unter der Leitung von W.-B. Emery und L.-P. Kirwan statt. Ihr wichtigstes Ergebnis war die Freilegung königlicher Gräber einer spätmeroitischen Kultur (X-Group) in Ballana und Qustul.

1959 beschloss Ägypten den Bau eines neuen Hochdammes, der das gesamte Gebiet zwischen Assuan und Dal südlich des 2. Kataraktes unter Wasser setzen würde. Auf einen Appell der UNESCO, den Ländern Ägypten und Sudan bei der Rettung des reichen Kulturerbes von Nubien zu helfen, erfolgte eine rasche Reaktion. Von 1960 bis 1967 beteiligten sich mehr als 30 Archäologenteams aus aller Welt an der Rettungsaktion, deren spektakulärste Einzelaktion die Versetzung der beiden Felstempel Ramses’ II. in Abu Simbel war.

Auch andere Tempelanlagen wurden an einen höher gelegenen Standort versetzt, etwa die Tempel von Wadi es-Sebua, Beit el-Wali oder Kalabsha. Andere wurden den beteiligten Staaten von Ägypten als Dank für ihre Unterstützung zum Geschenk gemacht. So steht heute der Tempel von Dendur im Metropolitan Museum in New York, der Tempel von Debod in Madrid, die Felskapelle von Ellesija in Turin, der Tempel von Taffeh in Leiden und das Kalabhsa-Tor in Berlin. Andere Bauten wie etwa die gewaltigen Ziegelbauten der Festungen des Mittleren Reiches sind in den Fluten des Nils versunken.

Doch auch auf dem Gebiet des Sudan wurden neben einem systematischen archäologischen Survey eine Reihe von Denkmälern versetzt, darunter die Tempel von Buhen, Semna und Kumma. Unter der Leitung des Berliner Architekten und Bauforschers Friedrich Hinkel wurden sie abgebaut und nach Khartum transportiert, um dort in einem archäologischen Park um ein im Bau befindliches Museum wieder errichtet zu werden. 1972 konnte das Nationalmuseum in Khartum eröffnet werden, das in den vergangenen Jahren renoviert wurde.

Derzeit läuft wieder eine internationale Kampagne: Am 4. Katarakt wird der Merowe Damm errichtet, der den Nil auf einer Länge von 180 Kilometern aufstauen wird. Rund zehn archäologische Missionen aus Polen, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und dem Sudan haben bereits ihre Arbeit zur Dokumentation der antiken Stätten im Gebiet des künftigen Stausees aufgenommen.

Ägypten liegt in Afrika

Der Blick auf den antiken Sudan erweitert und verändert das traditionelle Bild der Geschichte des Niltals, das ganz vom Alten Ägypten geprägt ist. Nubien, das Gebiet zwischen dem 1. Katarakt im Norden und Khartum im Süden, also dem südlichen Ägypten und dem nördlichen Sudan, stand stets im Schatten des Pharaonenreiches, von dem es in einigen Epochen beherrscht wurde. Es waren die Goldvorkommen der nubischen Wüste, die das Land für den großen Nachbarn im Norden so interessant machten; möglicherweise leitet sich sein Name vom altägyptischen nub = „Gold“ ab.

Die Ägypter nannten dieses Land meist Kusch und sahen, jedenfalls nach den offiziellen Quellen, meist geringschätzig auf ihren südlichen Nachbarn herab. Ein wichtiger Grund hierfür ist sicher in der Schriftlosigkeit der nubischen Kulturen zu finden, die trotz Kenntnis des ägyptischen Schriftsystems erst im 2. Jahrhundert v. Chr. eine eigene Schrift entwickelten. Zuvor scheint dafür keine Notwendigkeit bestanden zu haben, man bediente sich der ägyptischen Hieroglyphen.

Diesem Schicksal einer Geringschätzung begegnete Nubien ein zweites Mal in der Neuzeit: Die Ägyptologie als von ihrer Wissenschaftsgeschichte her betrachtet philologisch geprägtes Fach folgte gewissermaßen dem Urteil der Alten Ägypter und interessierte sich nur am Rande für die nubischen Kulturen des antiken Sudan. Die Eigenständigkeit seiner Kulturen wurde gering erachtet oder schlichtweg übersehen, die Einbindung Ägyptens in den schwarzafrikanischen Kulturkreis ist bislang kaum Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Forschung gewesen.

Dabei gehen die nubischen Kulturen der altägyptischen um mindestens ein halbes Jahrtausend voran; vielfältig sind die afrikanischen Einflüsse, die sich vor allem in der Frühphase Altägyptens aufspüren lassen: Rituale und Trachtelemente des Königtums, Gefolgschaftsbestattungen, die gleichwertige Stellung der Frau, Aussehen und Wesenszüge bestimmter Gottheiten wurden vom Süden angeregt und beeinflusst.

Erst in jüngster Zeit deutet sich hier ein Brückenschlag zwischen Archäologie/Ägyptologie und Ethnologie an. Dieser wissenschaftliche Dialog muß weiter ausgebaut werden; die Feldforschung bedarf nicht nur in den afrikanischen Staaten, sondern auch im Sudan der Intensivierung. Die Deklaration der Denkmäler im Bereich des Gebel Barkal, seiner Tempel und Nekropolen von Nuri und el-Kurru zum Weltkulturerbe ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Das antike Nubien war das Kernland eines intensiven NordSüd-Dialogs. Er vermittelt zwischen Ostafrika, der Wiege der Menschheit, und der Mittelmeerwelt, in der die menschliche Evolution einen ihrer Höhepunkte findet. Und letztendlich wird damit auch die Verbindung Europas mit Afrika thematisiert

Zeittafel

Nubien und antiker Sudan

Neolithische Kulturen — 6000-3500 v. Chr.

A-Gruppe in Unternubien — 3500-2800 v. Chr.

C-Gruppe in Unternubien — 2300-1600 v. Chr.

Königreich von Kerma in Obernubien — 2500-1500 v. Chr.

Ägyptische Herrschaft in Nubien — 1550-1070 v. Chr.

Kuschitische Dynastie — 1000-650 v. Chr.

Königreich von Napata — 650-310 v. Chr.

Königreich von Meroe — 300 v. Chr. – 320 n. Chr.

Spätmeroitische Königreich — 350-600 n. Chr.

Christianisierung — 540-580 n. Chr.

Islamisierung — seit 642 n. Chr.

Ägypten

4300-3000 v. Chr. — vorgeschichtliche Kulturen

3000-2700 v. Chr. — Frühzeit

2700-2170 v. Chr. — Altes Reich

2170-2040 v. Chr. — Erste Zwischenzeit

2040-1780 v. Chr. — Mittleres Reich

1780-1550 v. Chr. — Zweite Zwischenzeit

1550-1070 v. Chr. — Neues Reich

1070-750 v. Chr. — 3. Zwischenzeit

750-656 v. Chr. — Kuschitische Dynastie in Ägypten

650-310 v. Chr. — Spätzeit

332-30 v. Chr. — Ptolemäerzeit

30 v. Chr. – 395 n. Chr. — Römerzeit

395-600 n. Chr. Byzantinische Herrschaft

seit 642 n. Chr. — Islamisierung

Neolithische Kulturen

Nach jüngsten Grabungsergebnissen gehen die vorgeschichtlichen Kulturen des Sudan denen Ägyptens zeitlich voran, existierte im Süden eine hochstehende Keramikproduktion mehrere Jahrhunderte vor vergleichbaren Entwicklungen in Ägypten. Bislang weitgehend unbekannte Beispiele dieser qualitätvollen Ware, die als Grabbeigaben verwendet wurden, stehen am Beginn dieser Ausstellung. In Bereich der Keramik wird Nubien über die Jahrtausende hinweg Ägypten überlegen bleiben.

Am Anfang steht das Khartum-Neolithikum, meist nach seinem Hauptfundort südlich des 6. Kataraktes es-Schaheinab benannt. Die Funde reichen bis in das 6. Jahrtausend hinauf. Weitere wichtige Fundplätze sind das frühneolithische (5. Jahrtausend v. Chr.) Kadero, am nördlichen Stadtrand von Khartum gelegen, dem sich in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. el-Kadada in der Gegend von Shendi, etwa 180 Kilometer nilabwärts, anschließt. Parallel dazu konzentrieren sich in den letzten Jahren die Untersuchungen im Norden bei Kadruka unterhalb des 3. Kataraktes. Im Jahr 2006 wurden in unmittelbarer Umgebung von Kerma sogar Scherben aus spätpaläolithischer Zeit, aus dem 10.-9. Jahrtausend v. Chr., gefunden.

Die meisten Funde stammen aus den Gräbern ausgedehnter Friedhöfe, deren Gliederung einen Rückschluß auf die Struktur der neolithischen Gesellschaft erlaubt. Zum ersten Mal finden sich Gräber mit einem runden Grundriß, was für die nächsten zwei Jahrtausende ein Charakteristikum nubischer Kulturen sein wird.

Neolitisches Grab aus Kadruka
Neolitisches Grab aus Kadruka.

Neben der Keramik finden sich Waffen und Geräte sowie erste Beispiele einer bereits hoch entwickelten Rundplastik. Die ausschließlich weiblichen Figuren betonen die sekundären Geschlechtsmerkmale. Die hier im Abguß (Originale im Nationalmuseum Khartum) gezeigten Idole bilden den bislang größten zusammenhängenden Komplex rundplastischer Figuren, die erst vor einigen Jahren gefunden wurden.

Nubische Töpferkunst

Ein Charakteristikum der nubischen Kulturen vom Neolithikum bis in die spätmeroitische Zeit hinein ist die hohe Qualität der keramischen Produktion. Ihre Eigenständigkeit drückt sich sowohl in den Formen, der Bearbeitung der Oberfläche wie auch in ihrer Dekoration aus, die oftmals eine Entsprechung in afrikanischer Ware findet und damit die Wurzeln Nubiens in Schwarzafrika bezeugt. In den Umrißlinien der Gefäßformen ist eine Spannung zu beobachten, die sich vom Neolithikum über die A-Gruppe und die Kerma-Kultur bis schließlich in die nachmeroitische Zeit über mehr als fünf Jahrtausende als Charakteristikum der nubischen Keramik, als ganz eigener Stil erweisen wird.

Die Funde der neolithischen Zeit belegen bereits für das späte 5. und frühe 4. Jahrtausend einen technischen und künstlerischen Standard, der in Ägypten keine Entsprechung findet. Die vollendete Form der neolithischen Keramik und ihre Steigerung durch die Dekoration der Oberfläche zeigen sich auch in der Keramik der A-Gruppe und der C-Gruppe. Längst sind in Ägypten Skulptur, Relief und Malerei zur Meisterschaft entwickelt worden, Keramik wird hauptsächlich für den täglichen Gebrauch gefertigt. In Nubien hingegen bleibt die Töpferei das bevorzugte künstlerische Ausdrucksmittel.

In Kerma schließlich findet das künstlerische Schaffen in der Keramikproduktion zur seltener, kaum mehr zu überbietender Perfektion. Die Tulpenbecher und Tüllengefäße erreichen in Form und Oberflächenbehandlung eine Plastizität, die ihnen den Rang abstrakter Skulpturen verleiht. Einzig in der napatanischen Epoche, die die Phase der kuschitischen Oberhoheit über Ägypten einschließt, sowie in den Zeiten ägyptischer Dominanz geht die Qualität der Keramikproduktion deutlich zurück.

In meroitischer Zeit wird jedoch ohne langen Entwicklungsprozeß wieder ein hoher Standard erreicht. Produktionszentren und Werkstätten lassen sich identifizieren, und sogar die Handschrift einzelner Maler ist erkennbar. Das Repertoire der Dekoration bedient sich im ornamentalen Bereich zwar ägyptischer Symbole und Pflanzenmuster und verwendet hellenistische Elemente, dennoch entwickelt sich eine autonome Bildsprache von hoher Originalität, die es leicht ermöglicht, meroitische Keramik zu identifizieren. Die nachmeroitische Kultur der X-Gruppe entwickelt noch einmal eine eigene Formensprache mit charakteristischen Gefäßtypen, greift jedoch überwiegend die Motive der Spätantike wie Weinlaub, Ranken und Girlanden auf und ist in der Dekoration kaum von frühchristlicher Ware zu trennen.

Die Kultur der A-Gruppe

Die heute üblichen Bezeichnungen der nubischen Kulturen gehen zurück auf den amerikanischen Ägyptologen George Reisner, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts an vielen Orten im Niltal archäologisch tätig war. Die Fundorte der A-Gruppen-Kultur konzentrieren sich auf das Gebiet zwischen dem 1. und 2. Katarakt. Ihre historische Entwicklung ist in drei Phasen gegliedert: die frühe (3700-3250 v. Chr.), die klassische (3250-3150 v. Chr.) sowie die späte A-Gruppe (3150-2800 v. Chr.)

Die Kultur der A-Gruppe läuft damit zunächst parallel zur vorgeschichtlichen Negade-Kultur in Ägypten, mit der lebhafter Handel betrieben wurde. Dies bezeugen typisch ägyptische Gefäßformen wie etwa das schlanke Zylindergefäß mit Netzmuster, das als Importware aus Ägypten kam, um dann als Beigabe in einem nubischen Grab verwendet zu werden. Das Einzugsgebiet der A-Gruppe lag an einem Handelsweg, auf dem aus Zentralafrika und vom Roten Meer kostbare Güter wie Elfenbein und Ebenholz, Weihrauch und Felle sowie erstmals auch Gold nach Ägypten gebracht wurden.

Mit dem verstärkten Ausgreifen Ägyptens nach Süden während der Frühzeit scheint die A-Gruppe allmählich die Kontrolle über diesen Handel verloren zu haben, da in ihren Gräbern die zuvor als Gegengabe ins Land gekommenen Vorratsgefäße, Waffen und Geräte ägyptischen Ursprungs nun fehlen. Eine allmähliche Entvölkerung Unternubiens ab ca. 2800 v. Chr. hatte möglicherweise auch klimatische Ursachen. So hat sich die noch von Reisner postulierte Kultur einer B-Gruppe in der Zwischenzeit als verarmte A-Gruppe erwiesen, ist also keine eigenständige Kultur.

Grabtypen der A-Gruppen Kultur.© SMÄK
Grabtypen der A-Gruppen Kultur.

Die aus spätneolithischer Zeit stammende Tradition der Bestattung in Gräbern mit rundem Grundriß und aufgeschüttetem Tumulus (Grabhügel) setzt sich fort; auch in den Siedlungen lassen sich durch Pfostenlöcher runde Hausgrundrisse nachweisen. Die typische Gefäßform der A-Gruppen-Kultur ist eine tiefe, steilwandige Schale, deren Bemalung oft Flechtwerk nachahmt. Das Ritzdekor beschränkt sich meist auf eine schmale Zone um den Gefäßrand. Häufig sind die Gefäße im Inneren durch einen zweiten Brennvorgang schwarz geschmaucht (Reduktionsbrand).

Ägypten und Nubien in der Frühzeit und im Alten Reich

Die Handelsbeziehungen zwischen dem vorgeschichtlichen Ägypten und der A-Gruppe lassen sich gut belegen; der Beginn der dynastischen Zeit (um 3000 v. Chr.) bildet auch den Auftakt militärischer Auseinandersetzungen, die in den nächsten zwei Jahrtausenden während der Blütezeiten des pharaonischen Ägypten im Alten, Mittleren und Neuen Reich eine ägyptische Herrschaft über Nubien zur Folge hatten. In den dazwischen liegenden sogenannten Zwischenzeiten musste sich Ägypten stets wieder aus Nubien zurückziehen, was ein Aufblühen der nubischen Kulturen unter Betonung ihrer Eigenständigkeit zur Folge hatte.

Felszeichnung des Königs Djer aus Gebel Scheich Suliman© SMÄK
Felszeichnung des Königs Djer aus Gebel Scheich Suliman.

Einen ersten schriftlichen Hinweis auf militärische Aktionen gibt ein Jahrestäfelchen des Königs Aha in der 1. Dynastie, das einen Sieg über Nubien („Ta-seti“) erwähnt. Unter seinem Nachfolger Djer hat ein ägyptischer Trupp bereits den 2. Katarakt erreicht, wie eine Felsinschrift am Gebel Scheich Suliman berichtet. Auch für die 2. Dynastie liegen entsprechende Informationen über kriegerische Aktivitäten vor. Eine gezielte Kolonisierung Nubiens ist für die Frühzeit noch nicht zu belegen, doch verliert die A-Gruppe allmählich die Kontrolle über den Handel aus dem Inneren Afrikas.

Mit dem Alten Reich (2700-2250 v. Chr.) beginnt die Zeit der großen Expeditionen nach Süden; in der Nähe von Wadi Halfa wurde ein ägyptischer Außenposten gegründet. Die Annalen des Königs Snofru aus der 4. Dynastie nennen auf dem Palermostein einen Feldzug, von dem er 7000 Gefangene und vor allem riesige Viehherden als Beute mitbringt. Begehrt war das Material aus den Steinbrüchen westlich von Toschka, wo seit der Zeit des Cheops Diorit abgebaut wurde.

In der 6. Dynastie leitet der General Uni eine Expedition nach Nubien, die aus den dortigen Steinbrüchen den Sarkophag für den König Merenre bricht. Für seinen Transport wird ein Kanal durch den 1. Katarakt gegraben. Der Gaufürst Herchuf schließlich schildert in einer langen Inschrift in seinem Grab mehrere Expeditionen bis in das ferne Land Yam (vermutlich das Dongola-Becken), von denen er Kostbarkeiten auf dem Rücken von 300 Eseln nach Ägypten brachte – und einen Zwerg für den Hof seines Königs Pepi II.

In der ägyptischen Kunst lässt sich bereits für das Alte Reich ein in Oberägypten beheimateter „nubischer“ Stil erkennen, der sich durch einen kräftigen Körperbau und gedrungene Proportionen auszeichnet. Er wird in der Folge für in Nubien entstandene Statuen und Reliefs typisch sein und auch die Darstellung von Nubiern in der ägyptischen Kunst charakterisieren.

Das Bild des Nubiers in Ägypten

Die ägyptische Weltanschauung ist geprägt vom Begriff der „Maat“, der Weltordnung und Gerechtigkeit. Den Zustand der Maat zu erreichen und zu gewährleisten, ist die Aufgabe des ägyptischen Königs. Dazu zählt auch die Vernichtung des Bösen, symbolisiert durch einen fremdländischen Feind. Während die Position des nördlichen Gegners unterschiedlich besetzt sein konnte (Syrer, Mitanni, Hethiter), bleibt der Südfeind stets derselbe: der Nubier.

So erscheint der Nubier nicht nur im Kontext des traditionellen Motivs des „Erschlagens der Feinde“, die Unterwerfung wird auch in zahlreichen Objekten der Kleinkunst thematisiert: In figürlichen Griffen in Gestalt eines gefesselten Nubiers, auf Sandalen, an Gefäßen oder auf Fliesen aus Fayence, die zur Wand- und Fußbodenverkleidung des Thronsaales im königlichen Palast gehören. Ein fester Topos ist auch die Darstellung eins gefesselten Nubiers in Form eines „Stadtringes“: Der Oberkörper wird dabei vom Oval eines Mauerringes gebildet, in den der Name einer unterworfenen Stadt oder Landstriches eingeschrieben ist.

Städteringe mit gefangenen Nubiern aus dem Tempel von Soleb© SMÄK
Städteringe mit gefangenen Nubiern aus dem Tempel von Soleb.

Literarisch belegt ist eine Geringschätzung des Nubiers, die etwa in der stets wiederkehrenden Bezeichnung des nubischen Fürsten als dem „Elenden von Kusch“ zum Ausdruck kommt. In der Semna-Stele des ägyptischen Königs Sesostris III., einer Art Grenzstein, heißt es von den Nubiern: „Es sind keine Leute, die Respekt verdienen. Erbärmlich und mutlos sind sie.“ Diesen Formulierungen entspricht in der Kunst eine ironisierende und ins Groteske übertreibende Darstellung des Nubiers, die sich nicht unbedingt an die Realität hält.

Parallel zu diesen dogmatisch bestimmten Darstellungen findet sich jedoch eine detailgetreue, gelegentlich liebevolle Wiedergabe des nubischen Menschen, die seine Wertschätzung innerhalb der ägyptischen Gesellschaft widerspiegelt. Dies gilt vor allem bei den aus Nubien stammenden Dienerinnen, Ammen und Musikantinnen, die geachtete Mitglieder vornehmer Haushalte waren und häufig in Objekten aus dem kosmetischen Bereich wie Spiegel und Salblöffel dargestellt sind. Ehen zwischen Ägyptern und Nubiern sind häufig belegt, einige nubische Prinzessinnen sind als Gemahlinnen des Pharao belegt.

Die Kultur der C-Gruppe

Die Siedlungsplätze der A-Gruppe zwischen 1. und 2. Katarakt wurden später von der C-Gruppe übernommen. Ihre Gesamtdauer von 2300 bis 1500 v. Chr. lässt sich in verschiedene Stufen gliedern: Sie beginnt um 2300 v. Chr. als sich Ägypten im späten Alten Reich – von einzelnen Expeditionen abgesehen – wegen innenpolitischer Probleme aus Nubien zurückzuziehen beginnt. Die frühe Phase läuft dann bis 1900 v. Chr. parallel zum Mittleren Reich, in der Unternubien, das Siedlungsgebiet der C-Gruppe, weitgehend unter ägyptischer Verwaltung steht.

Den Höhepunkt der C-Gruppen-Kultur bildet die zweite Phase von 1900 bis 1600 v. Chr.: Der Rückzug Ägyptens in der Zweiten Zwischenzeit, nach dem Ende des Mittleren Reiches, hatte ein Anwachsen der Siedlungen zur Folge. Die Tumulusgräber erhalten häufig an der Ostseite den Anbau einer kleinen Opferkapelle. Der Tote wird auf einem Bett bestattet, unter den Grabbeigaben finden sich kleine rundplastische Tonfiguren von Menschen und ihren Herdentieren, also Rind, Schaf und Ziege.

Die charakteristischen Gefäßformen der qualitätvollen Keramik sind kleine halbkugelige Näpfe und tiefe Schalen mit Ritzdekor. Die Zickzack- und Rautenmuster sind mit weißer Farbpaste betont, auch Flechtmuster treten wieder auf. Die Luxusware ist sogar mehrfarbig eingelegt. Auf den Töpfen und Krügen einer etwas gröberen Ware finden sich gelegentlich figürliche Ritzzeichnungen.

C-Gruppen-Keramik.© SMÄK
C-Gruppen-Keramik.

Die Kultur der Pfannengräber-Leute

Pfannengräber-Keramik© SMÄK
Pfannengräber-Keramik.

Zeitgleich mit der C-Gruppe findet sich in der Ostwüste die nubische Pfannengräber-Kultur („pan-grave“), benannt nach der Form ihrer flachen, runden Gräber. Es sind Nomaden, was sich an der Schlichtheit ihrer Gräber mit nur wenigen Beigaben sowie einer im Vergleich zur C-Gruppe schlichteren, derberen Keramik ablesen lässt. Dabei sind die Gefäßtypen durchaus ähnlich, ebenso ist das Ritzdekor vergleichbar, jedoch von einer gröberen Art. Eine typische Form bildet die Zipfelschale, die einen Vorläufer in einem Ledergefäß gehabt haben mag.

Eine Besonderheit unter den Grabbeigaben stellen die Tiergehörne (Bukranien) von Schaf und Ziege, seltener Rind, dar, ebenfalls ein Hinweis auf die Herden der Nomaden. Meist sind diese Tiergehörne mit Farben in Ockertönen bemalt, in seltenen Fällen tragen sie ornamentale oder sogar figürliche Dekorationen. Ebenfalls charakteristisch für die pan-grave-Leute sind Schmuckstücke wie Ketten und Armbänder aus schmalen Streifen von Perlmutt.

Ägypten und Nubien im Mittleren Reich

Obwohl der Einfluß Ägyptens während der Ersten Zwischenzeit in Nubien zurückgeht, ist der Kontakt nie völlig abgebrochen: Der oberägyptische Gaufürst Anchtifi berichtet in seinem Grab in Moalla von Getreidelieferungen nach Wawat (Nubien), um eine Hungersnot zu vermeiden. Und bereits kurz nach der erneuten Reichseinigung (2040 v. Chr.) durch Mentuhotep II., unter dessen sechs königlichen Gemahlinnen sich auch eine Nubierin befand, findet sich am Ende der 11. Dynastie ein Hinweis auf eine militärische Aktion gegen das Südland.

In die 12. Dynastie (1994-1781 v. Chr.) fällt die erste Phase einer nun planmäßigen Kolonialisierung Nubiens durch Ägypten. Ihr erster Herrscher, Amenemhet I., hat gegen Ende seiner Regierungszeit (um 1975 v. Chr.) das Gebiet von Unternubien unterworfen; sein Nachfolger Sesostris I. führt bereits einen Feldzug über den 2. Katarakt hinaus bis mindestens nach Sai. Um die Handelskarawanen und Steinbruchexpeditionen zu schützen und den Zugang zu den Goldminen im Wadi Allaki in der Ostwüste zu sichern, wird eine ganze Kette von Festungen zwischen dem 1. und 2. Katarakt errichtet – gewaltige Befestigungswerke mit Wehrgängen, tiefen Gräben und Bastionen aus bis zu 15 Metern hohen Ziegelmauern. Gegner sind die Angehörigen der südlich des 2. Kataraktes lebenden Kerma-Kultur sowie Gruppen der Bedja in den östlichen Wüstengebieten.

In diesen Festungen lebten die ägyptischen Besatzungstruppen mitsamt ihren Familien, wie die Funde in den dazugehörigen Friedhöfen zeigen. Kleine Tempel innerhalb der Festungsmauern waren ägyptischen Göttern geweiht. Es bestanden enge Kontakte zur zeitgleichen nubischen Kultur der C-Gruppe, die unter dem Schutz der ägyptischen Besatzung ihr kulturelles Eigenleben ungestört fortsetzen konnte

Rekonstruktion des Westtores der Festung Buhen© SMÄK
Rekonstruktion des Westtores der Festung Buhen.

Die Südgrenze des ägyptischen Reiches wurde am 2. Katarakt bei der Doppelfestung Semna/Kumma festgesetzt, was Sesostris III. in einer historischen Inschrift auf einer Grenzstele festhalten ließ. Dieser Herrscher wird dann im Neuen Reich als lokale Gottheit in Nubien verehrt werden. Magische Praktiken, bei denen Figuren gefesselter Feinde aus Ton, seltener Stein, oder Gefäße mit Ächtungsformeln sollten zusätzlichen Schutz liefern.

Die Schwächung des ägyptischen Staates in der anschließenden 13. Dynastie bewirkte ab 1750 v. Chr. das Aufgeben des Systems der Festungen, die allmählich im Verlauf der Zweiten Zwischenzeit von den KermaLeuten in Besitz genommen werden. Gleichzeitig werden Gruppen der Bedja-Nomaden im Niltal ansässig.

Das Königreich von Kerma

Die imposanten ägyptischen Festungen des Mittleren Reiches am 2. Katarakt richteten sich gegen eine militärische Macht, die während der Ersten Zwischenzeit entstanden war: Kerma, das erste Königreich des antiken Sudan. Ausgehend von der Hauptstadt am 3. Katarakt reichte sein Einflussgebiet bis zum 4. Katarakt, während der Zweiten Zwischenzeit stand zeitweise auch Unternubien unter seiner Herrschaft. Die Vorläufer dieser Kultur lassen sich bereits um 3000 v. Chr. (Prä-Kerma) nachweisen.

Die riesigen Tumulusgräber der Könige von Kerma (mit einem Durchmesser von bis zu 70 Metern) haben in den reichen Beigaben viele Objekte überliefert, die die Eigenständigkeit dieser Kultur unterstreichen. Dazu zählen etwa die figürlichen Besatzstücke aus Mica, einem hauchdünn geschliffenen Glimmer. Die Fürsten wurden – in nubischer Tradition – auf hölzernen Liegen bestattet. Die Sitte von Gefolgschaftsbestattungen – bis zu 400 Menschen begleiteten den Herrscher in den Tod – lässt sich vereinzelt auch in der C-Gruppe beobachten. Eine große Anzahl von Rindergehörnen (Bukranien) bildet die äußere Umrahmung mancher Tumulus-Gräber, was auf den reichen Tierbestand verweist.

Aus ungebrannten Ziegeln wurden monumentale Kultbauten errichtet, die Defufas: massive Mauerwerkblöcke mit stollenartigen Innenräumen, die durch Säulenreihen gegliedert und deren Wände mit Malereien dekoriert waren. Großformatige Wandeinlagen aus Fayence zeugen vom hohen Standard der entsprechenden Technologie.

Am beeindruckendsten jedoch ist die Keramik der Kerma-Kultur: Mit ihren eleganten Formen und einer hauchdünnen Wandung zählen die Gefäße der Klassischen Epoche (1750-1500 v. Chr.) zum Besten, was je an Keramik im Niltal geschaffen wurde. Bemerkenswert sind auch figürliche Gefäße in Gestalt von Tieren, zum Teil mit Reliefdekor; bemalte Gefäße in Gestalt einer Rundhütte geben den Hinweis auf diese auch in Wohnbauten auftretende Architekturform.

KErma-Keramik© SMÄK
Kerma-Keramik.

Zahlreiche Objekte eindeutig ägyptischer Provenienz, vor allem Statuen, hatten den ersten Ausgräber George Reisner dazu gebracht, in Kerma einen Außenposten des Pharaonenreiches zu sehen. Offenbar gab es am Hof von Kerma eine Vorliebe für Aegyptiaca, existierte eine Art „Ägyptenmode“, und die entsprechenden Objekte waren als Handelsware, als Geschenke oder vielleicht auch als Kriegsbeute nach Kerma gekommen.

Ägypten und Nubien im Neuen Reich

Das Königreich von Kerma ist die einzige nubische Kultur, die von Ägypten im Zuge einer militärischen Aktion vernichtet wurde. In der Zweiten Zwischenzeit hatten die im Ostdelta residierenden Fremdherrscher der Hyksos eine Allianz mit dem Fürsten von Kerma angestrebt, was vom thebanischen König Kamose entdeckt und verhindert werden konnte. Nach der Vertreibung der Hyksos im Norden beginnt die Wiedereroberung des Südens zu Beginn der 18. Dynastie (um 1500 v. Chr.).

Die Festungen des Mittleren Reiches in Unternubien wurden restauriert und vergrößert, ihre Tempel in Stein neu gebaut. Bald lebten hier wieder größere Gruppen von Ägyptern – durchaus im Wohlstand, wie die kostbaren Grabbeigaben in Gestalt von Waffen und Geräten zeigen. Das eroberte Gebiet wird einem hohen ägyptischen Beamten, dem „Königssohn von Kusch“, unterstellt und völlig in das ägyptische Verwaltungs- und Wirtschaftssystem integriert. Für die Zeit bis zum Ende der 18. Dynastie um 1320 v. Chr. sind noch lokale Kleinkönige für einzelne Distrikte oder Bevölkerungsgruppen nachweisbar, denen die Organisation der Tributleistungen oblag. Kinder dieser nubischen Fürsten wurden am ägyptischen Königshof erzogen, was sie später zu loyalen Untertanen werden ließ. Dies hat zusammen mit der starken ägyptischen Präsenz allmählich zum Verschwinden der einheimischen Kultur geführt.

Nubier aus dem Grab des Huy© SMÄK
Nubier aus dem Grab des Huy, Vizekönig von Kusch 18. Dynastie, um 1330 v. Chr.

Sämtliche Könige der 18. Dynastie sind als Bauherren von Tempeln in Nubien belegt; die eindrucksvollste Anlage entstand unter Amenophis III. in Soleb (um 1360 v. Chr.). In der 19. Dynastie entstanden in Nubien dann die Felstempel von Ramses II. (1279-1212 v. Chr.), deren bekannteste – und größte – die beiden Tempel von Abu Simbel sind, in denen möglicherweise auch die nubischen Tribute zwischengelagert wurden. In der 20. Dynastie verringert sich dann die ägyptische Präsenz in Nubien infolge innenpolitischer Unruhen und Schwierigkeiten ständig. In den folgenden Jahrhunderten der Dritten Zwischenzeit (1075-745 v. Chr.) scheint jeder Kontakt zwischen Nubien und Ägypten abgebrochen zu sein.Sämtliche Könige der 18. Dynastie sind als Bauherren von Tempeln in Nubien belegt; die eindrucksvollste Anlage entstand unter Amenophis III. in Soleb (um 1360 v. Chr.). In der 19. Dynastie entstanden in Nubien dann die Felstempel von Ramses II. (1279-1212 v. Chr.), deren bekannteste – und größte – die beiden Tempel von Abu Simbel sind, in denen möglicherweise auch die nubischen Tribute zwischengelagert wurden. In der 20. Dynastie verringert sich dann die ägyptische Präsenz in Nubien infolge innenpolitischer Unruhen und Schwierigkeiten ständig. In den folgenden Jahrhunderten der Dritten Zwischenzeit (1075-745 v. Chr.) scheint jeder Kontakt zwischen Nubien und Ägypten abgebrochen zu sein.

Die Kuschitische Dynastie – Ägypten unter nubischer Herrschaft

Als sich Ägypten Ende des Neuen Reiches (um 1100 v. Chr.) aus Nubien zurückziehen muß, kann sich im dann entstehenden Machtvakuum eine neue nubische Kultur entwickeln, die bald nach Norden ausgreifen wird. Das Reich von Napata mit seiner Hauptstadt am Gebel Barkal, dem „Heiligen Berg“, ist die erste und einzige nubische Kultur, die Ägypten erobern und für ein knappes Jahrhundert beherrschen kann (750-656 v. Chr.). Diese Epoche wird in Ägypten als 25. Dynastie gezählt, die sogenannten Kuschiten treten das Erbe der Pharaonen an.

Eine wichtige Rolle bei der Machtübernahme spielt die „Gottesgemahlin des Amun“, ein weibliches Priesteramt in Ägypten, dem in der vorangegangenen Dritten Zwischenzeit mehr und mehr politische Funktionen zugewachsen waren. Das Amt wurde durch Adoption weitergegeben, und der Kuschitenkönig Piye hatte sichergestellt, dass seine Schwester Amenirdis die Nachfolge der ägyptischen Gottesgemahlin antrat. Die Qualität der rundplastischen Darstellungen dieser Prinzessinnen aus dem nubischen Königshaus zeigt die weltliche Macht dieser Priesterinnen, die als Stellvertreter des kuschitischen Königs praktisch die Herrschaft über Ägypten innehatten.

Durch die engen Beziehungen zu Ägypten werden einige Bereiche der nubischen Kultur der Kuschiten in ihrem Stammland ägyptisiert, dies gilt vor allem für den Bereich des Jenseitsglaubens und der Grabarchitektur: Das ein heimische Tumulus-(Rund-)Grab der Fürsten weicht der Grabform der Pyramide. Zuerst in el-Kurru, dann in Nuri, entstehen ausgedehnte Pyramidenfelder. Die Gestalt dieser Grabbauten orientiert sich jedoch nicht an den klassischen Pyramiden des Alten Reiches, vielmehr geht der sehr viel steilere Neigungswinkel auf die kleinen Pyramiden der ägyptischen Beamtengräber des Neuen Reiches zurück. In der Dekoration der Grabkammern werden Motive und Texte aus dem ägyptischen Totenbuch verwendet, unter den Grabbeigaben sind zahlreiche Uschebtis, die kleinen Dienerfiguren, zu finden. Lediglich in der Verwendung von Totenbahren (Betten) statt Sarkophagen zeigt sich weiterhin die nubische Tradition.

Die neuen (Fremd-)Herrscher Ägyptens haben dem Land zahlreiche neue Impulse gegeben. Eine rege Bautätigkeit an nahezu allen wichtigen Tempeln des Landes setzt ein, die Kuschiten stehen als Bauherrn ganz in der Tradition der Pharaonen; sie greifen sogar für ihre eigene Titulatur auf Königsnamen aus dem Alten Reich zurück. Vor allem aber erhält die leblos erstarrte, schematisch gewordene Kunst der Ägypter neue Anregungen. Der gegenüber den Ägyptern kräftigere Körperbau und eine andere Physiognomie der Kuschiten finden ihren Niederschlag in den veränderten Proportionen eines athletischen Körpers und den Zügen eindrucksvoller Individualporträts

Das Königreich von Napata

Das Eingreifen der Kuschitenherrscher in die Abwehrkämpfe der syrisch-palästinischen Staaten gegen das Neuassyrische Reich führt zu zweimaliger Eroberung Ägyptens durch die Assyrer ( 671 und 666 v. Chr.). Die aus dem unterägyptischen Sais stammende 26. Dynastie gewinnt allmählich die Oberhand, so dass sich der letzte Kuschitenkönig Tanwetamani 656 v. Chr. aus Ägypten zurückziehen muß. Unternubien wird wieder vom Norden beansprucht, und im Jahr 591 v. Chr. führt ein Feldzug den ägyptischen König Psammetich II. sogar bis nach Obernubien, vielleicht bis Napata. Ein Feldzug des Perserkönigs Kambyses jedoch bleibt erfolglos.

Mit dem Verlust Ägyptens und dem Rückzug ins Kernland folgt für das Reich von Napata eine Phase relativer Isolierung, was sich dann später im 4. Jahrhundert v. Chr. etwa auf der großen Stele des Nastasen durch eine fehlerhafte Schrift und mangelnde Kenntnis der ägyptischen Sprache niederschlägt, die seit der Kuschitenzeit verwendet worden war.

In der Rundplastik entwickeln sich die Eigenheiten des kuschitischen Stils weiter, die sich vom ägyptischen Erbe zu entfernen beginnt und eine „afrikanische“ Komponente betont: Die Proportionen werden gedrungener, der südländische Gesichtstyp wird durch die vollen Lippen, die stumpfe Nase und eine niedrige Stirn geprägt; die Qualität der vorangegangenen kuschitischen Epoche wird jedoch nicht mehr erreicht. Dennoch steht die Kunstproduktion noch in der ägyptischen Tradition, keine andere nubische Kultur reicht in Qualität und Quantität an die kuschitisch-napatanische Rundplastik heran. Wohl nicht zufällig tritt in dieser Phase die Produktion von Keramik in den Hintergrund.

Am Gebel Barkal war eine gewaltige Tempelstadt, dem ägyptischen Karnak vergleichbar, entstanden. Inschriften auf den Tempelwänden enthalten Berichte über die Thronbesteigung, Stiftungen für Götter und Schilderungen von Feldzügen. Sie zeigen einen zunehmenden Einfluß des Reichsgottes Amun von Napata durch Orakelentscheidungen.

Dies galt auch für die Wahl des Königs, bei der das Heer zumindest nominell noch beteiligt war. Schwestern des Königs werden als Priesterinnen eingesetzt, thronberechtigt waren in erster Linie die Söhne. Wie bereits in kuschitischer Zeit kam damit den weiblichen Angehörigen der Königsfamilie eine besondere Rolle zu, was sich später in Meroe fortsetzen wird.

Stele des Nastasen

„Jahr 8, Monat 1 der Überschwemmungszeit, Tag 9 unter Horus, dem Starken Stier, geliebt von der Götterneunheit, der erschienen ist in Napata, dem Herrn der Kronen, dem Sohn des Re, Nastasen, dem Stier, der seine Feinde unter den Sohlen zertritt, dem großen reißenden Löwen, dem Befestiger aller Länder, dem Sohn des Amun, mit starkem Arm, der alle Länder weit macht, dem Sohn der Götter. (…) Als ich in Meroe war, rief mir mein Vater, Amun von Napata, zu: „Komm!“ Da brach ich auf … (nach Napata). Da hörte ich Reisende, die sagten: „Er ist in der Hauptstadt aller Länder.“ Ich machte mich auf und erreichte bald darauf Teka. Das ist der große Löwe, der Garten, aus dem die Könige Piye und Alara entsprossen sind. Da kamen zu mir alle Leute vom Tempel des Amun in Napata und die Städter, alle vornehmen Leute. Sie redeten mit mir und sagten: „Amun von Napata, dein guter Vater, hat dir die Herrschaft von Nubien zu Füßen gelegt.“ Alle Leute fragten: „Wann landet er?“ (…) Ich stieg auf große Pferde und erreichte den großen Tempel. Da warfen sich alle vornehmen Leute und Amun-Priester vor mir nieder. Jeder Mund pries mich. Ich sagte Amun von Napata, meinem guten Vater, alles, was ich auf dem Herzen hatte. Er erhörte meine Rede. Es gab mir Amun von Napata, mein guter Vater, das Königtum von Nubien, die Krone des Königs Harsiotef und die Macht der Könige Piye und Alara.

(…) Ich hielt mein gutes Gespräch mit Re und hielt Amun von Napata folgende Rede: „Du hast mich aus Meroe gerufen, und ich bin zu dir gekommen. Du hast mir die Herrschaft von Nubien zu Füßen gelegt. Nicht Menschen haben mich zum König gemacht.“ (…) Alle Menschen sagten: „Er macht alle Dinge gut. Amun von Napata hat ihm die Herrschaft von Nubien gegeben. Der Sohn des Re, Nastasen, ist hinaufgestiegen und sitzt auf dem goldenen Thron im Schatten an diesem Tage. Er wird König sein und sitzen und wohnen in Meroe.“ (…) Etwas anderes nun wieder. Ich ließ das Heer gehen gegen den Feind von Machandakenenet. Es wurde mit ihm gekämpft, ein großes Gemetzel. Ich fing seinen Häuptling Iyahek. ich erbeutete alle Weiber, alles Vieh, viel Gold: 209.659 Rinder, 503.349 Kleinvieh, 2.236 Weiber. (…) Etwas anderes nun wieder. Ich ließ das Heer gehen gegen die Feinde Raber und Iakerkereh. Ich machte ein großes Gemetzel. Ich fing den Häuptling Rabeheden, all seinen Besitz an Gold, unzählig viel: 203.216 Rinder, 603.107 Stück Kleinvieh, alle Weiber, alles, wovon sich Menschen ernähren.“

Stele vom Gebel Barkal, Napatanisch, um 330 v. Chr.

Das Königreich von Meroe

Gegen 300 v. Chr. ist es vermutlich zu einem Wechsel in der Führungsschicht des Reiches von Napata gekommen. Nach griechischer Überlieferung soll König Ergamenes den Einfluß der Amun-Priester gebrochen haben; er verlegt die königliche Nekropole von Nuri nach Meroe, wo zuvor bereits Mitglieder der königlichen Familie bestattet worden waren. Neben den Tempeln für ägyptische Gottheiten wie den Amun-Tempeln von Meroe und Naga werden nun auch Heiligtümer für einheimische Götter wie den löwenköpfigen Apedemak in Musawwarat es-Sufra und Naga erbaut.

Dem Reich von Meroe steht in Ägypten zunächst das Ptolemäer-Reich nach der Eroberung des Landes durch Alexander den Großen (332 v. Chr.) gegenüber, später wird es eine Randkultur des römischen Imperiums. Um 275 v. Chr. erobert Ptolemaios II. Unternubien und sendet Erkundungs- und Tierfangexpeditionen weiter nach Süden. Ein Aufstand in Oberägypten (204-185 v. Chr.) bringt das Reich wieder in den Besitz von Unternubien einschließlich der Insel Philae, dem Zentrum des Isis-Kultes, der für Ägypter und Meroiten von großer Bedeutung war. Nach der Eroberung Ägyptens durch Augustus (31 v. Chr.) dringen römische Truppen im Jahr 24 v. Chr. bis nach Napata vor, in der Folge wird jedoch ein für Meroe günstiger Frieden geschlossen und Unternubien wird als Pufferzone zwischen Meroe und Rom aufgeteilt.

Die Geschichte der meroitischen Kunst kann noch nicht geschrieben werden, zu vereinzelt stehen die Befunde bislang da. In der Rundplastik spielen großformatige Statuen von Tieren – Widder, Löwen, Frösche – eine große Rolle, die Erscheinungsformen von Göttern repräsentieren. Statuen von königlichen Personen und Göttern in Menschengestalt sind bislang nur in wenigen Beispielen bekannt. Ungewöhnlich in ihrer stilistischen Vielfalt ist die Gruppe der sogenannten Ba-Statuen, Grabstatuen nichtköniglicher Personen. Stilistische Merkmale verbinden diese Köpfe mit der zeitgleichen Nok-Kultur im 2500 Kilometer entfernten Nigeria.

Die meroitische Keramik ist ein gutes Beispiel für die Mischkultur dieses Landes im Spannungsfeld zwischen Europa und Afrika. Es gibt hellenistische Gefäßformen und Dekorationsarten wie die sogenannte „Barbotine“-Ware, ägyptische Motive in Gestalt von Hieroglyphen (Anch-Zeichen) in der Bemalung und typisch afrikanische Gefäßtypen wie die großen bauchigen Gefäße mit kleiner Öffnung zur Aufbewahrung und Kühlung des Wassers.

Die meroitische Schrift

Über Jahrtausende hinweg haben die nubischen Hochkulturen darauf verzichtet, für ihre Sprachen eigene Schriften zu entwickeln, sie blieben illiterat. Dabei waren ihnen durch den engen Kontakt zu Ägypten die vielfältigen Möglichkeiten des Schriftgebrauches bestens vertraut, und sie verwendeten die ägyptische Schrift und Sprache auch für Denkmäler im eigenen Land. Erst ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. treten im Reich von Meroe Schriftdenkmäler auf, die die Sprache der Einheimischen mit einer eigenen Schrift aufzeichnen.

Das meroitische Alphabet.© SMÄK
Das meroitische Alphabet.

Die Schriftzeichen wurden zunächst aus dem Ägyptischen übernommen; es gibt sowohl selten verwendete Hieroglyphen als auch eine Kursivschrift, die aus dem Demotischen, einer ägyptischen Geschäftsschrift, abgeleitet wurden. Das Schriftsystem hat 15 Zeichen für Konsonanten, vier Zeichen für Silben und drei Zeichen für Vokale. Außerdem werden ein Worttrenner benutzt, den das Ägyptische nicht kennt sowie Zahlzeichen, die wiederum aus der ägyptischen Schrift stammen.

Nach ihrer Struktur gehört die meroitische Sprache zu den agglutinierenden Sprachen (wie zum Beispiel das Türkische und Ungarische) und ist wahrscheinlich der Gruppe der Nilo-Saharischen Sprachen zuzuordnen, die in moderner Zeit im östlichen Teil des Sudan und im oberen Nilgebiet gesprochen werden wie Dinka und Masai, und zu denen auch das Nubische gehört.

Die meroitische Sprache ist noch nicht vollständig erschlossen; längere historische Inschriften, von denen nur wenige überliefert sind, können mangels Vergleichen noch nicht durchgehend übersetzt werden. Die kurzen Texte auf Stelen und Opfertafeln können dank ihres formelhaften Aufbaus weitgehend verstanden werden.

Der Schatz der Amanishakheto

Die Könige und Königinnen des Reiches von Meroe (ca. 300 v. – 350 n. Chr.) hatten sich nach ägyptischem Vorbild in Pyramiden bestatten lassen; ihre Nekropole Begrawia liegt unweit der Residenz von Meroe. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren diese Pyramiden gut erhalten, jedoch größtenteils bereits in der Antike ausgeraubt worden. Eine Ausnahme bildete die Pyramide N6 der Königin Amanishakheto.

Der italienische Arzt Guiseppe Ferlini, mit Mohammed Alis Truppen in den Sudan gekommen, hatte sie wie mehrere andere Pyramiden auf der Suche nach Schätzen abtragen lassen. Dabei wurde er in spektakulärer Weise fündig. Ein offenbar unberührter Goldschatz kam zutage, den Ferlini alsbald außer Landes brachte. In einem 1837 in Bologna in italienischer, 1838 in Rom in französischer Sprache veröffentlichtem Katalog stellte er seinen Schatz der Öffentlichkeit vor und suchte nach Käufern.

1839 wurde ein Teil des Fundes für die königlichen bayerischen Kunstsammlungen erworben; der andere Teil erwies sich zunächst als unverkäuflich, wohl nicht zuletzt aufgrund des ungewöhnlichen Stils der Schmuckstücke, der Zweifel an der Echtheit des Fundes aufkommen ließ. Diese Zweifel wurden erst ein Jahrzehnt nach Ferlinis Fund ausgeräumt, als Richard Lepsius, der schon 1842 eine Erwerbung für das Berliner Ägyptische Museum vorgeschlagen hatte, bei seiner Ägypten-Sudan-Expedition nach Meroe kam. 1844 wurde auf seine Empfehlung der verbliebene Teil des Schatzes für Berlin angekauft.

Die Fundumstände sind unklar. Ferlini erweckt mit seinem Fundbericht den Eindruck, der Schatz sei in einer Kammer im Innern der Pyramide gefunden worden. Keine der napatanischen oder meroitischen Pyramiden liefert hierzu eine Parallele. Außerdem sprechen konstruktionsbedingte Gründe gegen eine Kammer im Pyramidenmauerwerk. Man darf als sicher annehmen, daß der Schatz der Amanishakheto aus der Grabkammer unter ihrer Pyramide stammt, in die Ferlinis Arbeiter nach deren Abtragen von oben eindrangen. Ein großer Teil fand sich, in ein Tuch eingewickelt, in einer Bronzeschüssel; andere Schmuckstücke lagen auf dem Boden der Kammer.

Die handwerkliche Qualität der Schmuckstücke kann sich nicht mit hellenistischen Goldschmiedearbeiten aus dem Mittelmeerraum messen. Die außergewöhnliche Bedeutung des Fundes liegt in der Verbindung ägyptischer, meroitischer und vereinzelt auch hellenistischer Elemente zu einem eigenständigen Ganzen.

Aus dem Goldschatz der Amanishakheto© SMÄK, M. Franke

Die spätmeroitischen Kulturen

Auf dem Gebiet des einstigen Reiches von Meroe hatten sich nach dessen allmählicher Auflösung ab etwa 350 n. Chr. drei kulturelle Einheiten etabliert, die nach ihren bedeutendsten Nekropolen benannt werden. Von Norden nach Süden sind dies die Kultur von Ballana zwischen dem 1. und 3. Katarakt, die Tanqasi-Kultur mit ihrem Zentrum am Gebel Barkal und schließlich die sogenannte spätmeroitische Kultur von el-Hobagi am 6. Katarakt.

Kronen der Ballana-Kultur© SMÄK
Kronen der Ballana-Kultur.

Die Kultur von Ballana wurde früher auch als X-Gruppe bezeichnet, Bemerkenswert sind die großen Tumulusgräber der Herrscher mit kostbaren Grabbeigaben: Kronen und Schmuck aus Silber mit Einlagen aus Glas und Halbedelsteinen, Lampen und Weihrauchgefäße aus Bronze. In der Nekropole von Qustul wurden Pferdebestattungen mit kostbarem Zaumzeug gefunden (heute im Nubischen Museum in Assuan). Die Tanqasi-Kultur hat zwar große Friedhöfe überliefert, jedoch nur bescheidene Grabbeigaben. Ganz in der Tradition des Reiches von Meroe steht die Kultur von el-Hobagi, für die qualitätvolle Bronzegefäße mit figürlichem Ritzdekor charakteristisch sind. Auch hier wurde jedoch die Tradition der Pyramidengräber aufgegeben und durch Tumulus-Gräber ersetzt; damit zieht sich die Kontinuität dieser Bestattungsform vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis weit in das erste christliche Jahrtausend hinein.

Bis zum Beginn des 6. Jahrhunderts waren so drei unabhängige Königreiche entstanden: das Reich von Nobatia mit der Hauptstadt Faras, das Reich von Makouria mit Alt-Dongola und schließlich Alowa mit Soba (südöstlich von Khartum) als Hauptstadt. Funde und Grabbeigaben mit christlichen Motiven vor allem aus Ballana zeigen, dass die neue Religion bereits in dieser Zeit in Nubien Fuß gefasst hatte, wenn es sich zunächst auch nur um einzelne Gläubige gehandelt haben wird wie in der Episode aus der Apostelgeschichte, die den Kämmerer am Hof der meroitischen Königin erwähnt.

Das Christentum in Nubien

Etwa zeitgleich mit der Schließung des letzten ägyptischen Tempels auf Philae beginnt um 540 n. Chr. die eigentliche Christianisierung Nubiens durch von Byzanz entsandte Missionare, was vor allem auch politische Hintergründe hatte. Zuerst wurde Nobatia christlich, im Jahr 543 durch den Priester Julian, dessen Werk von Longinus fortgeführt wurde. Dieser wurde schließlich vom König von Alowa eingeladen, den er 580 taufte.

Julian und Longinus waren Monophysiten, folgten also dem koptischen, in Ägypten beheimateten Glaubensbekenntnis der einen Natur Christi, wohingegen sich das Reich von Makouria zum diophysitischen Glauben, der Lehre von den zwei Naturen, bekehrt hatte. Erst mit dem Zusammenschluß von Nobatia und Makouria zu Beginn des 8. Jahrhunderts gehörte ganz Nubien der koptischen Kirche an, die nubischen Bischöfe wurden von Alexandria ernannt. Die Zentren der nubischen Kirche waren AltDongola und Faras, das vor allem durch die polnischen Ausgrabungen der Kathedrale und des Bischofpalastes mit ihren großflächigen Malereien berühmt geworden ist. Faras ist in den Fluten des Stausees versunken, die Malereien und einige Architekturteile (Säulen, Kapitelle und Architrave) befinden sich heute in den Nationalmuseen von Khartum und Warschau.

Der Siegeszug der Araber, die 641 Ägypten erobert hatten, wird an der Grenze zu Nubien gestoppt; ein zweiter Angriff 652 führte zu einer Vereinbarung, die den christlich-nubischen Königreichen die Unabhängigkeit garantierte und mehr als ein halbes Jahrtausend lang eingehalten wurde: Es war eine Epoche des Wohlstands, die letzte Blütezeit einer mehr als fünftausendjährigen kulturellen Tradition in Nubien.