Topographie

Naga liegt 30 km vom Nil entfernt in der Steppe. Um 250 v. Chr. entsteht dort als Subresidenz, als „Pfalz“ des Königreichs von Meroë eine Stadt, die zu ihrer Blütezeit im 1. Jh. n. Chr. eine Fläche von 1 km² bedeckt.

Das Stadtzentrum ist geprägt von mehr als 50 Tempel- und Palastbauten, deren Grundrisse auf den zahlreichen Ruinenhügeln noch erkennbar sind. Drei noch gut erhaltene Tempel sind seit 1995 ausgegraben, dokumentiert und restauriert worden.

Widderallee vor dem Amuntempel© Naga-Projekt
Widderallee vor dem Amuntempel

Der die Stadt überragende Amuntempel entspricht mit der axialen Planstruktur der Allee von 12 Widderstatuen, dem Pylon, Hypostyl, Sanktuar und Gegentempel dem Idealplan eines ägyptischen Tempels, weist aber in vielen Details typisch meroitische Züge auf.

Der sehr gut erhaltene Löwentempel gehört zum Typ des meroitischen Einraumtempels und ist mit den Reliefs auf den Außen- und Innenwänden eines der besten Beispiele meroitischer Flachbildkunst.

Dem Gott Apedemak geweihter Löwentempel© Naga-Projekt
Dem Gott Apedemak geweihter Löwentempel

Hathorkapelle in Naga© Naga-Projekt
Hathorkapelle in Naga

Die Hathorkapelle (früher „Römischer Kiosk“ genannt) verbindet hellenistisch-römische und ägyptische Form- und Dekorationselemente zu einer autonomen meroitischen Architekturschöpfung. Diese Formenvielfalt ist der 1. Hälfte des 1. Jh. n. Chr. unter dem Herrscherpaar Natakamani und Amanitore zuzuschreiben.

Eine Generation später entstand unter Amanikharekerema der Tempel Naga 200, dessen Reliefs aus über 1.600 verstürzten Blöcken wiedergewonnen werden konnten.

Noch nicht ausgegraben sind mehrere Tempel, deren Plan dem griechischen Peripteros entspricht. Rings um das Stadtzentrum, das frei von Wohnbauten zu sein scheint, liegen ausgedehnte Nekropolen mit Tumulusgräbern. Hier sind Grabungen für die nächsten Jahre geplant.

An dem die Stadt überragenden Gebel Naga liegen Sandsteinbrüche, aus denen das Baumaterial für die Stadt gewonnen wurde. Der größte Teil der antiken Stadt Naga ist noch nicht erforscht und bildet ein archäologisches Potenzial von größter wissenschaftlicher Bedeutung.

Grabungshaus

Als Basis des Projektes dient das mit Mitteln der Fa. Knauf, Westdeutsche Gipswerke, errichtete Grabungshaus; um den Innenhof liegen Wohn- und Aufenthalts- und Arbeitsräume; am Vorhof befindet sich die Restaurierungswerkstatt. Als Magazine für die Fundobjekte dienen Container. Eine kleine Solaranlage und Generatoren liefern Strom. Wasser wird einmal pro Woche mit einem Tankwagen aus Shendi angeliefert. Diese ca. 60 km von Naga entfernte am Nil gelegene Stadt ist auch die nächste Einkaufsmöglichkeit für Lebensmittel. Kommunikation mit der Außenwelt ist über Satellitentelefon oder mittlerweile auch über Mobiltelefon möglich.

Grabungshaus in Naga© Naga-Projekt
Grabungshaus in Naga

UNESCO World Heritage

Naga ist Weltkulturerbe: Am 25. Juni 2011 wurde Naga vom World Heritage Committee der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden. Damit fanden die langjährigen Bemühungen der National Corporation for Antiquities and Museums, der Antikenverwaltung des Sudan, um die noch wenig erforschten und selbst der Fachwelt nur unzulänglich bekannten antiken Stätten des Sudan die gebührende Anerkennung. Für die UNESCO-Entscheidung dürfte wohl auch die vorbildhafte Konzeption von Restaurierung und Denkmalpflege in Naga eine Rolle gespielt haben.

In der UNESCO-Entscheidung ist mit Sicherheit eine Bestätigung der gerade an diesem Ort und in seinem reichen Fundmaterial erlebbaren Stellung des meroitischen Reiches als Kulturbrücke zwischen Afrika und der Welt des Mittelmeers zu sehen. Die Aufnahme von Naga in die Liste des Weltkulturerbes rückt eine nahezu unbekannte Region und Epoche der Antike ins Blickfeld der Forschung und der Öffentlichkeit. Sie ist eine wichtige Grundlage für die weitere Erschließung und Bewahrung der historischen Stätten des Sudan und ein Beitrag zur kulturellen Identität der (seit 9. Juli 2011) zwei sudanesischen Staaten.